Winfried Gebhardt: Feste, Feiern und Events. Zur Soziologie des Außergewöhnlichen (2000)
In der Einleitung wirft Gebhardt anhand zahlreicher Beispiele die Frage nach Gemeinsamkeiten von als Event angepriesenen Veranstaltungen auf und was eine solche rechtfertigt sich als Event zu betiteln. Existiert der Event als eigenständiges Veranstaltungsgenre überhaupt und wenn ja, wodurch zeichnet es sich aus, steht als zentrale Kernfrage am Anfang.
1. Organisierte Einzigartigkeit
Von der englischen Definition des Wortes ausgehend, kommt Gebhardt zu dem Schluss, dass das Wort Event “den Hauch des Außergewöhnlichen, des Besonderen, dessen, was nicht jeden Tag geschieht” besitzt. Um eine weitere Abgrenzung zu ermöglichen nennt er sechs Kennzeichen:
- planmäßig erzeugte Ereignisse: Events sind professionell geplante Ereignisse, die einer genauen Dramaturgie folgen und mit Bedeutung versehen werden.
- einzigartige Erlebnisse: sie stehen in deutlicher Abgrenzung zu alltäglichen, kontinuierlichen Veranstaltungen. Der Veranstaltungsort ist hierbei genauso von Bedeutung, wie das Muss vorherige Events in jedwedem Punkt zu überbieten.
- deren Formsprache: kultureller und ästhetischer Synkretismus: Events arbeiten mit interdisziplinären ästhetischen Ausdrucksformen und den Mitteln der Verdichtung, Vernetzung, Verfremdung und Kontextverschiebung. Dadurch sollen alle Sinne angesprochen und ganzheitliches Erleben ermöglicht werden.
- Sie stehen im Schnittpunkt aller möglichen Existenzbereiche: sie sollen “als “Kraftquelle” erlebt werden, die dem in den Bahnen der Routine gefangenen Leben Vitalität einhaucht und kreative Impulse für den entfremdeten Alltag setzt.”
- Vermittlung von exklusiver Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit: Events wirken durch Gemeinschaftlichkeit (Gruppengefühl) und eigene (innere und äußere) emotionale Beteiligung der Eventteilnehmer.
- monothematisch fokussiert und interaktiv: Durch Interaktion und Inhalte mit denen man sich identifizieren kann, soll ein Zugehörigkeitsgefühl geschaffen werden. Sie beziehen sich dabei meistens auf bestimmte Lebensstile und die damit verbundenen Weltanschauungen und ästhetischen Vorlieben.
2. Feste, Feiern und Events
In Punkt zwei deckt Gebhardt auf, dass es sich bei Events keineswegs um “eine kulturelle Neuschöpfung von epochaler Bedeutung handelt”. Viele Feste und Feiern der Vergangenheit verbindet zu viel mit heutigen Events, als dass man sie voneinander trennen und beim Event von etwas Neuem sprechen könnte, so Gebhardt. Besonders der Anspruch der Einzigartigkeit findet sich auch bei vielen großen Veranstaltungen der Vergangenheit.
3. Die Eventisierung des Festlichen und die Verszenung der Gesellschaft
Überleitend von Punkt zwei stellt Gebhardt fest, dass Events aus historischer Sicht demnach nichts Neues sind, sondern lediglich eine “spezifische Variante des Festlichen”. Er konstatiert, dass “das eigentliche Neue [...] besteht in einer akzelerierenden Eventisierung der Festlandschaft”. Diese Entwicklung sieht er in Zusammenhang mit fünf korrespondierenden Entwicklungen von Veranstalungen:
- Deinstitutionalisierung: Verlagerung von Festen organisiert durch Institutionen (Politik, Kirche etc.) hin zu offeneren Veranstaltungen.
- Entstrukturierung: Die Feste werden nicht mehr nur von einer bestimmten Gruppe besucht, sondern meist treffen verschiedene Milieus / Szenen aufeinander.
- Profanisierung: Das Ereignis ist nicht mehr an bestimmte Normen geknüpft, stattdessen geht es um das “Sich-Gehen-Lassen-Können”.
- Multiplizierung: Es werden immer mehr Veranstaltungen geboten, die sich darüber hinaus von “biographisch oder historisch begründeten Anlässen” loslösen und stattdessen ihre eigenen Gründe erfinden.
- Kommerzialisierung: Feste sind immer öfter dem Profit unterworfen. “Das Fest selbst wird zum Zweck.”
Abschließend fasst er seine Thesen zusammen und kommt zu dem Schluss, dass “Events in diesen größeren, gesellschaftstheoretischen Zusammenhängen (betrachtet), [...] sich als die spezifischen Feste und Feiern einer sich individualisierenden, pluralisierenden und zunehmend verszenenden Konsum- und Erlebnisgesellschaft bezeichnen (lassen).”